In die Nacht
Genre: Romantik/Drama
Rollen: Bill und Tom
Autor: Julia S.
Datum: 31. 12. 07
Kapitel I - In mir wird es langsam kalt
Kalter Regen prasselte an die verdunkelten Fensterscheiben und die graue Landschaft zog in Windeseile vorbei. Es war mitten im Winter, eiskalt und trotzdem zu warm, als dass es schneien könnte.
Der schwarzhaarige Junge seufzte schwer und wandte seinen trüben Blick nach draußen ab. Er war erschöpft, das Lachen war ihm schon vor geraumer Zeit vergangen. Ja, nun fiel ihm sogar schon sein aufgesetztes Lachen schwer, das Lachen, dass er nur den Kameras schenken wollte und konnte.
-„Hey, Bill, alles in Ordnung?“, fragte die sanfte Stimme seines Zwillingsbruders. Tom legte eine Hand auf die Schulter des Schwarzhaarigen und ihm wurde ein wenig wärmer ums Herz.
-„Hm.. jaja“, er blickte auf und schenkte seinem Bruder ein kleines Lächeln. Ein Lächeln dass ihm sehr viel Kraft kostete und dennoch gab es niemanden dem er es lieber schenken wollte.
-„Du siehst nur so.. so niedergeschlagen aus“.
-„Tja, du weißt ja..“, murmelte Bill und blickte auf seine Füße. Tom nickte.
Ein leises Brummen ertönte und der Bassist deren Band drehte sich zu dem Zwillingspaar um.
-„Könnt ihr nicht leise sein? Manche Leute versuchen zu schlafen!“, sagte er missgelaunt und hatte Schwierigkeiten seine eigentlichen Freunde aus seinen verschlafenen Augen klar auszumachen.
-„Mann, Georg! Du pennst nun schon seit Stunden und dann spricht man mal drei Sätze und du flippst gleich aus!“, begann Tom sich aufzuregen.
-„Ihr könnt ja reden, aber in einer angemessenen Lautstärke“, knurrte er und drehte sich wieder um.
Der Schwarzhaarige lehnte seinen Kopf an die kühle Fensterscheibe und atmete tief durch.
-„Ich kann dir gar nicht sagen wie sehr ich diesen Van satt habe“, murmelte Tom leise und verschränkte die Arme vor der Brust. Missmutig lehnte er sich wieder zurück in den hellen Ledersitz.
-„Du sprichst mir aus der Seele“, seufzte der blonde Junge, der neben Georg saß.
-„Gustav! Ich dachte dass du auch pennst!“, sagte Tom verwundert zu ihm.
-„Nee, schon seit ’ner ganzen Weile nicht mehr, Georgs Schnarchen hat mich aufgeweckt“, antwortete er und musste sich ein Grinsen verkneifen.
-„Klappe, Gustav! Ich schnarch ja nicht einmal!“, fauchte der Braunhaarige sofort.
-„Ist ja schon gut, ich weiß ja wie du drauf bist, wenn du müde bist, wieso sage ich dann überhaupt was?“, murmelte der blonde Junge und sagte das viel mehr zu sich selbst, als zu sonst irgendjemanden.
Bill ließ ein erneutes Seufzen ertönen. Er wollte nur mehr in seinen wohlverdienten Urlaub und nie mehr zurückkommen.
-„Weißt du wie lange wir noch fahren?“, fragte der Schwarzhaarige seinen älteren Bruder.
-„Nee“, lautete dessen wortkarge Antwort.
-„Mh..“, machte der Sänger und sah nach vorne.
Bill begann sein Leben zu hassen. Anfangs dachte er seinen Traum leben zu dürfen, doch langsam erschien ihm alles mehr wie ein Alptraum. Immer das zu tun was einem vorgeschrieben wurde, immer gut drauf sein zu müssen und darauf achten zu müssen, dass man ja alles richtig machte erschien ihm alles andere als ein schöner Traum. Ganz davon zu schweigen, dass er nirgends mehr seine Ruhe und kein Privatleben mehr hatte.
Rein gar nichts hatte er in dieser Hinsicht.
Doch andererseits; wenn er auf der Bühne stehen durfte um tausenden von Leuten seine Musik zu präsentieren, hatte er schon irgendwie das Gefühl, dass sich alles bezahlt gemacht hatte.
-„Saki, wie lange fahren noch?“, fragte Tom und erhob seine Stimme ein wenig.
-„Gute zwei Stunden“, antwortete ihr Leibwächter, der in diesem Fall auch ihr Fahrer war.
-„Da hörst du’s“, lächelte er Bill an.
Der Schwarzhaarige nickte. Mit trübem Blick sah er auf seine Fingernägel herab die schwarz glänzten.
-„Du ziehst ein Gesicht wie sieben Tage Regenwetter, du hast doch noch etwas anderes, stimmt’s?“, fragte der Dunkelblonde Junge und sah seinen Zwilling forschend an.
Tom hatte Recht. Ihn bedrückte tatsächlich noch etwas anderes.
Nie hätte er sich träumen lassen, dass es jemals etwas geben würde, worüber er mit seinem Bruder nicht sprechen konnte, doch nun war tatsächlich so ein Thema aufgetaucht.
-„N-nein, es ist aber nichts!“, log er schnell.
-„Ach quatsch nicht! Du weißt ganz genau, dass du mir nichts vormachen kannst!“, sagte Tom, legte seinen Kopf schief und musterte seinen Bruder scharf, „Jetzt rück schon raus mit der Sprache!“.
-„Da gibt’s nichts zum Rausrücken!“, blockte der Jüngere sofort ab und verschränkte schützend die Arme vor der Brust.
-„Mh..“, machte der dunkelblonde Gitarrist, zuckte mit den Augenbrauen und wandte sich von seinem Bruder ab.
-„Du zickst jetzt rum, weil ich dir nicht sage, was ich nicht habe?!“, der Schwarzhaarige zog seine Augenbrauen hoch und sah Tom an.
-„Nein! Ich zicke rum, weil du mich anlügst und mir auch noch Weis machen willst, dass du es nicht tust!“, knurrte er.
Bill schüttelte seinen Kopf und rutschte tiefer in seinen Sitz hinein.
Einige Minuten voller Schweigen vergingen, dann ergriff Tom wieder das Wort.
-„Wieso willst du es mir nicht sagen?“.
-„Was soll das heißen?“.
-„Ich glaube, das ist die dümmste Frage die du je gestellt hast!“, regte sich der Dunkelblonde auf.
-„Lass mich in Ruhe, ich hab’ dich nicht darum gebeten mich zu umsorgen“, fauchte Bill.
-„Klappe da hinten!“, brüllte Georg.
-„Halt sie doch selber! Wenn ich mit Bill reden will, dann mach ich das auch!“, brüllte Tom genau so laut zurück.
Der schwarzhaarige Junge kniff seine Augen zusammen und vergrub sein Gesicht in seinen Händen. Er ertrug das alles nicht mehr, es wurde ihm einfach zu viel.
-„Ey, pass ja auf was du sagst, Kleiner“, drohte Tom der Bassist und verengte seine Augen zu Schlitzen.
-„Halt jetzt endlich deine dumme Fresse, Georg! Schau dir an was du da angerichtet hast!“.
Tom rutsche zu seinem Bruder rüber und legte vorsichtig einen Arm um ihn.
-„Bill..“, sagte er leise.
-„Lass mich in Ruhe!“, fauchte der Angesprochene, „Zuerst behauptest du, dass ich lüge und jetzt tust du wieder so, als ob nichts wäre!“, unsanft schob er Toms Arm von der Schulter und drehte sich weg.
-„Aber-“.
-„Nichts aber!“, unterbrach er ihn unwirsch.
-„Okay..“, gab der Ältere niedergeschlagen von sich und setzte sich zurück auf seinen Platz.
Der Rest der Fahrt verging größten Teils im Stillschweigen, gesprochen wurde nur das Nötigste.
Und Bill? Ja, der brachte es sogar zu Wege gar nichts zu sagen. Sein Blick galt einzig und allein der vorbeirauschenden Landschaft und er hing einfach nur seinen Gedanken nach.
-„Bill“, störte eine Stimme seine Ruhe, „Bill wir sind da!“.
-„Hm..“, machte er nur, blickte langsam auf, direkt in das Gesicht seines Bruders und er sah anschließend schnell wieder weg.
Der Dunkelblonde sprang aus dem Van, wartete kurz, ob denn vielleicht nicht auch sein Zwilling schon nachkommen würde, entschied sich dann aber doch lieber seine Tasche zu schnappen und in das Haus zu gehen, vor welchem sie Halt gemacht hatten.
Mühsam und mit einigem Geächze und Gestöhne, kämpfte sich Bill aus seinem Gurt und Sitz und stieg aus.
Er streckte sich und atmete tief durch. Er konnte kaum glauben, dass er nun endlich zuhause war.
Saki reichte ihm seine Tasche, die der Schwarzhaarige leise ‚Danke’ murmelnd annahm, sich von seinem Leibwächter verabschiedete und seinem Bruder ins Haus folgte.
-„Bill!“, empfing ihn seine Mutter Freudestrahlend und nahm ihn in die Arme um ihn fest zu drücken.
Er blickte über die Schulter seiner Mutter hinweg und entdeckte Tom, der ein wenig zerknautscht aussah. Ihn hatte sie also auch schon in Arbeit gehabt, dachte er sich und ein leichtes Lächeln huschte über seine Lippen.
-„Geht’s dir gut, mein Schatz?“, fragte Siemone und strich ihrem Sohn über den schwarzen Haarschopf, „Du siehst ganz blass aus!“.
-„Nein, keine Sorge, Mama, alles in Ordnung bei mir“, wollte er ihr versichern und zwang sich zu einem Lächeln, „und wie geht es dir?“.
-„Jetzt wo ich euch beide wieder bei mir habe, könnte es nicht besser sein!“, strahlte sie.
-„Ist Gordon noch in der Arbeit?“, fragte er und machte sich auf den Weg in die Küche, um sich eine Cola aus dem Kühlschrank zu nehmen.
-„Ja, aber keine Sorge, er kommt bald nach Hause!“, antwortete Siemone und ihr Blick wanderte zur Uhr.
-„Ich geh schon mal nach oben um zu packen, okay?“, sagte jetzt Tom und machte sich auf den Weg in sein Zimmer, „Solltest du übrigens auch machen, Bill, du brauchst ja immer ewig und drei Tage“, fügte er dann noch schnell hinzu und war schon über die Treppe verschwunden.
-„Haha..“, sagte der Jüngere finster, trank den Rest seiner Cola aus und wollte schon aus der Küche gehen, da spürte er die Hand seiner Mutter auf der Schulter.
-„Alles okay zwischen euch?“, fragte sie ein wenig besorgt.
Bill nickte nur zur Antwort, „Ich werd’ dann mal Toms Ratschlag nachgehen, ja?“.
-„Ist gut“, sagte sie und sah ihrem jüngsten Sohn leise seufzend nach.
Der schwarzhaarige Junge saß auf seinem Bett, vor seinen Füßen stand der leere Koffer und er begann darüber nachzudenken, was er denn nun alles brauchte.
Zuerst einmal Musik, dachte er, stand auf und schaltete seinen CD-Player ein. Na also, da fällt einem das Denken sofort leichter.
Bill stellte sich vor seinen Kleiderschrank und suchte sich seine liebsten Shirts raus, die er sorgfältig in den Koffer legte, denen folgten seine Hosen und die Unterwäsche.
Er überlegte gerade, wo er denn seine Badeshorts aufbewahrte, da klopfte es an der Tür.
-„Ja, wer stört?“, fragte er leicht genervt.
-„Ich störe“, sagte Tom, schob die Tür auf und betrat das Zimmer seines kleinen Bruders.
-„Was willst du?“, er setzte sich auf sein Bett und sah fragend zu dem Dunkelblonden auf.
-„Reden! Ich will wissen was du hast und wieso du mich anlügst, beziehungsweise wieso du es mir nicht sagen kannst!“, Tom verschränkte die Arme vor der Brust und baute sich vor ihm auf.
-„Jetzt lass mich mal in Ruhe! Verdammt! Ich werde dir gar nichts sagen! Wenn du jetzt bitte so gütig wärst und deinen Quadratarsch aus meinem Zimmer bewegen würdest, wäre ich dir mehr als dankbar!“, fauchte Bill und wollte aufstehen.
-„Ich werde bestimmt nirgends hingehen!“, sagte er und schubste den Schwarzhaarigen wieder zurück aufs Bett.
-„Du spinnst jetzt komplett hab ich das Gefühl!“.
-„Pass ja auf was du sagst, Kleiner!“.
-„Ich geb’ dir gleich ‚Kleiner’!“, fauchte Bill, stand auf und stieß seinen Bruder unsanft zur Seite, „Hau jetzt ab! Ich hab noch genug zu tun, da brauchst du mich nicht auch noch nerven!“.
-„Aber-“.
-„Hör jetzt mal mit deinem beknackten ‚aber’ auf! Ich red nicht mit dir und jetzt Adieu!“, der Schwarzhaarige bugsierte seinen Bruder zur Tür hinaus und schlug diese lautstark wieder zu.
Eine Weile verharrte er regungslos, starrte auf seine weiße Zimmertür. Tränen stiegen ihm in die Augen hoch und dann ließ er sich an der Wand entlang zu Boden gleiten, legte seinen Kopf auf die Knie und weinte erbärmlich.
-„Hör mal, ich lass mir das nicht von dir-“, plötzlich stand Tom wieder im Zimmer und als er seinen Bruder sah, brach er seinen Satz abrupt ab.
-„Bill!“, rief er erschrocken und stürzte sich zu ihm. Der Dunkelblonde zog ihn zu sich in die Arme und hielt ihn fest.
Der schwarzhaarige Junge begann immer mehr zu weinen und krallte sich im Shirt seines Bruders fest.
-„Bitte sag mir jetzt endlich was los ist!“, flehte er.
Bill schüttelte nur seinen Kopf und versuchte sich zu beruhigen. Er konnte es einfach nicht, und Tom konnte auch nicht von ihm verlangen, dass er es ihm sagt. Das ging einfach nicht!
Eine Weile lang wiegte der Ältere seinen Bruder sanft hin- und her. Er wollte, dass er endlich zu weinen aufhörte. Immer wieder strich er ihm über den Rücken und langsam beruhigte Bill sich wieder. Sein Körper hörte auf zu zittern und schon bald waren auch die Schluchzer verstummt.
-„Bill..“, sagte Tom leise und schob ihn ein wenig von sich weg, um dem Schwarzhaarigen in die Augen blicken zu können, „bitte sag es mir! Ich sterbe gleich vor Sorge!“, pure Verzweiflung glänzte in seinen Augen.
Der Jüngere Zwilling wischte sich die Tränen von den Wangen und überlegte. Er wollte Tom nicht länger anlügen, das ging einfach nicht, doch ihm die Wahrheit zu sagen fiel ihm gleich doppelt so schwer.
Der dunkelblonde Junge sagte nichts. Er wusste dass sein Bruder überlegte und so sah er ihn einfach nur aufmerksam an, studierte jede Mimik die sein Gesicht preisgab.
Nach einem schier unendlich langen Schweigen blickte Bill wieder auf, direkt in das Gesicht seines Bruders. Tief atmete er durch, schloss seine Augen und begann zu sprechen.
-„Also gut, ich werde es dir sagen..“.
…