hy ihr süßen
ich wollte euch mal fragen was ihr zu diesem bericht sagt
ich hab mich darüber total aufgeregt als ich dass heute morgen in ner zeitung gelesen hab
also was meint ihr dazu ?
Gemeinsam einsam
STUTTGART. Kreisch! Kreisch!!! KREISCH!!!!! Man muss es mal ausprobieren. So richtig schrill und spitz. Nach spätestens zehn Sekunden bricht einem untrainierten Schreihals die Stimme und er japst. Danach wird er sich nie wieder lustig machen über tobende Tokio-Hotel-Fans. Die haben Luft für anderthalb Stunden Konzert und eine Lautstärke, die den Tonmeister zwingt, nach dem ersten Lied die Boxen aufzudrehen, weil man sonst von der Musik nichts hört.
Keine Ahnung, wie die das machen. Und warum. 8 000 Mädchen zwischen acht und 18 Jahren füllen die Schleyerhalle - die paar Erziehungsberechtigten mit den gequälten Gesichtern fallen nicht weiter ins Gewicht. Ebenso wenig die Jungs im Schlepptau ihrer Freundinnen, die nichts Spöttisches sagen dürfen, weil sie sonst wieder solo sind.
Diese Mädchen himmeln keine durchtrainierte Boygroup an, sondern Frontsänger Bill - ein dürrer Kerl ohne zwingende Geschlechtsmerkmale an Körper und Stimme, der aussieht, als sei er einem Manga-Comic entsprungen. Ein Alien, ein Freak, dem Tausende Fans eindeutige Plakatbotschaften entgegen strecken - »Bill, ich will mit dir auf nackten Nutten koksen«. Der depressive Rocksongs singt, die metallisch hämmern, während im Hintergrund acht Blechwände hoch- und runterfahren. Deren Texte von jugendlichem Weltschmerz handeln: »Es bringt mich um/weil unser Traum in Trümmern liegt/Die Welt soll schweigen/und für immer einsam sein.«
»Bill, ich will mit dir auf nackten Nutten koksen«
Gut, Bill ist aus dem Stimmbruch raus und singt sauber. Die Bühnenshow ist ordentlich, die Songs vom neuen Album »Zimmer 483« klingen zwar ziemlich gleich, aber rauer und interessanter als das dudelige »Durch den Monsun«, mit dem die Band ihren Durchbruch hatte.
Aber das allein macht doch nicht so einen Erfolg, denkt man als distanzierter Erwachsener. Und begreift erst im Laufe des Auftritts, dass Tokio Hotel das Kunststück hinkriegen, Wut und Euphorie, Vergeblichkeit und Trost in eins zu singen - »vor uns geht der Himmel auf/wir schaffen es zusammen/übers Ende dieser Welt/die hinter uns zerfällt.« Oder besser: Bill schafft es. Die anderen drei sind auch da und sehen cool aus, mehr aber nicht. Tokio Hotel ist die One-Man-Show eines fröhlich tanzenden Außenseiters, dem es nicht peinlich ist, zur Zugabe seinen Zwillingsbruder Tom anzuschmachten. So einer macht das Nicht-Dazugehören-Wollen massenkompatibel - und polarisiert damit, wie die zahllosen Hassattacken im Internet zeigen.
Die Fans bekommen so das Gefühl, als Einzige gegen den Rest zu stehen. Gemeinsam mit 8 000 anderen auf einem Konzert der zugleich beliebtesten und unbeliebtesten deutschen Band. Steht man mittendrin, ist eine neutrale Position unhaltbar. Tokio Hotel muss man vergöttern oder hassen. Kneifen gilt nicht. Also gut: Bill, ich liebe dich! (GEA)